Interview mit Regisseur und Drehbuchautor Jan Schütte 

 

Was ist das Thema Ihres Films BIS SPÄTER, MAX!?

Bis später, Max! ist eine Komödie, ein literarisches Road Movie, bei dem sich zwei Aspekte verbinden, die schon immer für spannende Momente in der Kunst gesorgt haben: die Liebe und die Literatur.

Die Themen des Films sind vielschichtig ineinander verwoben. Da ist zunächst einmal ein erfolgreicher Mann, der sich mit seiner schriftstellerischen Arbeit und seinen Liebesaffären gut eingerichtet hat im Leben. Er will sozusagen der Vergänglichkeit ein Schnippchen schlagen. Bisher ist ihm das auch gut gelungen, aber neuerdings hat er erstaunlich reale Träume, die ihn verwirren. Er geht auf eine Lesereise, wie er das schon oft getan hat, und dieses Mal läuft etwas schief, als ob er in einem Traum durch die falsche Tür gegangen wäre und nun darin gefangen ist. Er hat sich in einer seiner eigenen Kurzgeschichten verirrt.

Auf einer zweiten Ebene erleben wir, wie der Schriftsteller Max unterwegs sein Material für Geschichten findet, wie er aus realen Begegnungen mit Menschen, aus Träumen und der Fantasie, Charaktere und Begebenheiten formt, und wie diese Erfindungen dann zu Leben erwachen. Als Schriftsteller ist Max wie ein besonders begabter Handwerker, dessen Arbeitsmaterial das Leben selbst ist. Dafür bewundern wir Leser und normalen Menschen ihn, und gleichzeitig sehen wir, dass er dieselben Probleme hat, wie wir alle. In seinen Geschichten kann er Gott spielen, im Leben nicht. Er wird zum Angsthasen, wenn er die Kontrolle verliert, wenn er das Gefühl hat, eine Frau durchschaut ihn oder wenn ihn eine existenzielle Erfahrung mit einem Donnerschlag trifft. Wie haltbar sind unsere Lebenskonzepte, wenn sie einer ernsthaften Prüfung unterzogen werden?

Ihr Film wird von Ironie und einem sehr subtilen Humor getragen. Wie würden Sie den Humor des Films beschreiben?

Die Leichtigkeit des Films hat viel mit dem Hauptdarsteller Otto Tausig zu tun, der als gestandener Wiener Komödiant mit seinem ironischen Charme und seinem warmen Dialekt den Figuren, die er spielt, immer auch etwas Humorvolles verleiht.

BIS SPÄTER, MAX! ist eine manchmal melancholische, zarte Komödie, und manchmal brechen unerwartet bunte Momente der Farce durch. Wir wollten die Geschichte nicht in das übliche Komödienmuster pressen, sondern Raum für Überraschungen, Geheimnisse und die Fantasie des Zuschauers lassen. Wir haben versucht, bis in die kleinen Figuren mit ironischem Subtext zu arbeiten, selbst in Situationen, wo die Geschichte sehr ernst wird. Diese Ironie hat auch viel mit New York zu tun und dem dort sehr lebendigen jüdischen Humor. Mich interessiert daran der Pragmatismus, mit dem man dort dem Leben begegnet.

Ist BIS SPÄTER, MAX! auch ein melancholischer Film?

Stellenweise schon, denn für Max ist es ja auch ein Rückblick auf sein Image als charmanter Casanova, der sozusagen in jedem Hafen eine Braut hatte. Er hat überhaupt keine Lust, sich in die Rolle des weisen, älteren Herren zu fügen. Es ist, bildlich gesprochen, ein kühler Herbst und Max sehnt sich nach dem Frühling, das kann vielleicht beim Zuschauer ein Gefühl von Melancholie erzeugen.

Die Haltung der Frauen im Film ist überhaupt nicht melancholisch. Sie stehen mit beiden Beinen fest im Leben und erkennen die Dinge so wie sie sind, ohne Gefühlsduselei. Und Max Kohn geht immer weiter voran, oder besser gesagt: Er springt von Eisscholle zu Eisscholle. Er ist ständig auf der Suche – für ihn gibt es kein melancholisches Stillstehen oder Zurückblicken.

Max ist ein Künstler, Charmeur und Luftikus, total verstrickt in seine Liebesgeschichten, nicht immer zuverlässig, häufig chaotisch, aber immer voller positiver Lebensenergie. Das zeichnet meiner Meinung nach auch den Film aus.

Im Kern geht es um Vitalität und Lebenslust. Und um den Sieg der Liebe über das Alter.

Wie ist es Ihnen gelungen, trotz des recht kleinen Budgets mit so renommierten Schauspielern zu arbeiten. Neben dem großen österreichischen Schauspieler Otto Tausig spielen ja prominente amerikanische Schauspielerinnen wir Barbara Hershey, Rhea Perlman und Tovah Feldshuh?

Otto Tausig war nach unserer Zusammenarbeit bei dem Kurzfilm SPÄTE LIEBE, der der Ausgangspunkt für BIS SPÄTER, MAX! war, von Anfang an klar. Hinsichtlich der Frauenrollen hatten wir schon früh das Ziel, sie mit bekannten älteren Schauspielerinnen zu besetzen. Da für diese Rollen meist nur drei bis vier Drehtage vorgesehen waren, waren wir optimistisch, dass wir da gute Chancen auf eine erstklassige Besetzung hatten.

Es war dann ganz erstaunlich: niemand hat uns eine Absage geschickt. Das war zum einen ein Verdienst meiner Casting Direktorin Heidi Levitt aus L.A., die viel mit großen Regisseuren gearbeitet hat. Dass die Schauspielerinnen schließlich tatsächlich für einen Bruchteil ihrer üblichen Gagen zugesagt haben, hatte noch einen ganz anderen Grund, den ich erst in den Gesprächen mit den Schauspielerinnen ganz verstanden habe: Schauspielerinnen über vierzig (!!) bekommen in Hollywood nur selten Rollen, wo sie nicht nur Mütter oder Großmütter spielen. Und hier gab es ganz wunderbare Rollen, in denen es um Liebe und Erotik und Sex ging. Und natürlich gibt es viele Schauspieler und Künstler, die I.B. Singer lieben, und es ist erst die dritte Verfilmung eines seiner Werke.

Übrigens bin ich stolz darauf, dass wir Oliva Thirlby für die kleine Rolle des jungen Mädchens gefunden haben: kurz nach dem Dreh hatte sie in JUNO dann ihren Durchbruch. Alle am Set waren fasziniert von ihrer Konzentration und ihrer Reife, dabei war sie gerade zwanzig, als wir gedreht haben.

Wie war die Zusammenarbeit mit Otto Tausig?

Es war ja bereits unsere dritte Zusammenarbeit, wobei es sich bei BIS SPÄTER, MAX! um die zweite große Rolle in einem meiner Filme handelt – und Otto in diesem Film gleich drei Paraderollen für einen älteren Schauspieler übernimmt.

Otto Tausig hat eine – angesichts der vielen Brüche in seiner Biographie - bemerkenswert positive Einstellung zum Leben. Er teilt mit der Figur Max Kohn dieselbe Lebenshaltung, er schaut nach vorne und wenn er zurück blickt, ist immer Humor mit dabei. Otto Tausig ist aber im Gegensatz zu Max kein Bohemien, sondern ein gesellschaftskritischer, sozial engagierter Mensch.

Trotz seines hohen Alters, ist Otto Tausig immer noch sehr aktiv, er spielt bis heute im Theater und dreht viele Filme. Die Zusammenarbeit mit ihm ist eigentlich wie mit anderen Schauspielern auch. Natürlich ist er älter, aber er ist beim Drehen immer sehr vital und voller Energie.

Auch seine amerikanischen Kolleginnen waren von ihm begeistert. Es wurde ja nicht nur vor der Kamera geflirtet. Alle am Set liebten aber ganz besonders seine Präzision. Otto Tausig nimmt natürlich sein ganzes Leben und seine Biographie mit, und in seiner großen Schauspielkunst gibt es in dieser Rolle nie einen falschen Ton. Er ist übrigens ein Schauspieler, der gerne und ausführlich probt, bis die Figur wie ein maßgeschneiderter Anzug sitzt.

BIS SPÄTER, MAX! ist auch ein Film über Amerika – welches Amerikabild wollen Sie zeigen?

Obwohl wir nur ein kleines Budget hatten, konnten wir an vielen verschiedenen Orten drehen, so dass der Eindruck einer Reise durch Amerika entsteht. Mir ging es dabei um beiläufige amerikanische Impressionen im Hintergrund des Films, die mein Kameramann Edward Klosinski mit viel Eleganz ins Bild gesetzt hat.

Ich habe häufiger in Amerika gedreht und auch selbst immer wieder dort gelebt. In BIS SPÄTER, MAX! wollte ich das Amerika zeigen, das mir persönlich sehr gefällt, ein Amerika jenseits der touristischen Reize, das man so nicht so oft im Kino sieht.

Mir gefällt dabei das Altmodische, dem man in den USA überall noch begegnen kann. Eine Reise durch Amerika ist auch eine Reise durch die Zeit. In Restaurants wird noch mit Schecks bezahlt, die Züge stammen aus den 50er Jahren und in Florida findet man Motels, in denen die Zeit still zu stehen scheint.

Wir wollten im Film eine Polarität der Orte erreichen. Florida ist farbig, golden und warm. Von New York gibt es fast nur Innenaufnahmen und Blicke auf die Stadt aus Fenstern. Die Straßenszenen haben wir in einer Gegend gedreht, die früher nur „Das Vierte Reich“ hieß, ganz im Norden von Manhattan, wo früher alle deutschen Emigranten um die 104. Straße herum wohnten, unter der George Washington Bridge. In New Hampshire wollten wir die besondere Stimmung der amerikanischen Provinz einfangen, Städte im Nordosten, die fast aufgegeben worden sind (das ist übrigens nicht weit weg vom Dartmouth College, wo ich zweimal mit meiner Familie gelebt habe). Hier gibt es noch eine Zugstrecke – aber es kommt nur ein Zug am Tag, der New York und Montreal verbindet. Wir wollten unterschiedliche Orte mit starker Identität. Nach den geeigneten Drehorten haben wir lange und aufwändig gesucht, denn die Orte spielen immer eine große Rolle in meinen Filmen.

Der Film basiert auf drei Kurzgeschichten des amerikanischen Literaturnobelpreisträgers Isaac. B. Singer. Was hat Sie an Singer gereizt?

Die Welt, über die Singer schreibt, hat mich schon immer fasziniert. Es ist die Welt der Emigranten, die in den 40er Jahren aus Europa kamen und sich in New York rund um die Upper Westside angesiedelt haben. Das waren Juden aus Polen, der Ukraine und anderen osteuropäischen Ländern, auch aus Deutschland, die die Cafés mit ihren Gesprächen über das alte Europa in ihren Sprachen und ganz eigenen Dialekten gefüllt haben.

Dieses besondere Milieu hat Singer zu seinen Geschichten inspiriert. Die Gegend um Brighton Beach, in der Singer wohnte, war damals eine sehr überschaubare Welt. Singer hat sie auch in seiner Autobiographie „Verloren in Amerika“ wunderbar beschrieben. Es ist diese überschaubare Welt, in der Singers Figuren unterwegs sind. Sie sind fast wie gute Nachbarn, alle Figuren seiner Geschichten könnten auch in einem Apartment-Haus oder in derselben Straße wohnen – in seinen Geschichten tauchen z. B. auch immer wieder dieselben Orte und Cafés auf.

Wie kam es zur Verfilmung von BIS SPÄTER, MAX!?

Wir sind von Singers Kurzgeschichte SPÄTE LIEBE ausgegangen. Das ist eine Geschichte, in der die Figuren an einem einzigen Vormittag eine komplette Liebesgeschichte mit dramatischem Ausgang erleben. Diese Geschichte hat mich damals sehr inspiriert.

Ich habe mich dann daran gemacht, ein Drehbuch für einen abendfüllenden Spielfilm zu entwickeln, in dem ich verschiedene Kurzgeschichten zu einer Handlung zusammenführen wollte. Ich hatte die Idee, mehrere Motive aus Singers Werk in einen Film zu packen, was mit BIS SPÄTER, MAX! auch ganz gut gelungen ist, glaube ich. Bei dieser Arbeit hat mir der Autor Michael Gutmann sehr geholfen, eine sinnvolle Struktur zu finden.

Außerdem hat uns für die Hauptfigur Max Kohn der reale I.B. Singer sehr inspiriert, er hat ganz erkennbare Züge von I.B. Singer – selbst Max‘ Wohnung haben wir nach Originalfotos von Singers Wohnung eingerichtet. Das kreative Chaos, das dort herrschte, die Hüte auf dem Regal am Eingang, das kann man sich so gar nicht ausdenken.

Wie sind Sie vorgegangen, um aus den Kurzgeschichten eine zusammenhängende Geschichte für einen Langspielfilm zu formen?

Da die Finanzierung des Films sich sehr lange hinzog, hatte ich viel mehr Zeit als erwartet für das Drehbuch. Das war in gewissem Sinn Glück im Unglück. Es stand für mich sehr früh fest, dass die Kurzgeschichte DIE AKTENTASCHE die Klammer des Films sein würde – die Lesereise als verbindendes, durchgehendes Element.

Bei einer Adaption von einem Autor diesen Ranges ist die Verantwortung besonders groß. Ich habe mich immer wieder gefragt, ob ich der Vorlage gerecht werden kann. Singer beschäftigt sich intensiv mit dem Innenleben seiner Figuren, und das literarische Mittel des Gedankenstroms spielt eine große Rolle. Das kann der Film nur sehr bedingt übernehmen, er muss Bilder, Schauplätze, Stimmungen und physische Situationen finden, die diesem Gedankenstrom entsprechen. Eine große Rolle spielte für uns, dass Singer seine Personen nicht leichtfertig karikiert. Hinzu kommt, dass er Verhaltensweisen nicht restlos psychologisch erklärt. Drehbücher neigen ja leider manchmal dazu, und die Menschen wirken dann wie Schachfiguren. Bei Singer bleibt immer auch ein Staunen gegenüber dem überraschenden Moment, der nicht enträtselbar ist.

Oft musste ich abwägen, ob das Medium Film mit seiner ihm eigenen Deutlichkeit die Sache zu sehr erklärt oder ob wir da noch im Tonfall von Singer sind. Besonders bei der Geschichte von Simon, der in Florida Ferien machen will, haben wir die Drehbuchentwürfe mehrmals durchdacht und auch immer wieder verworfen. Bei dieser Geschichte war die Gefahr besonders groß, am Ende zu äußerlich zu werden und die Figuren auszubuchstabieren. Ich empfinde es als großes Geschenk, dass Elizabeth Peña die Rolle der Esperanza übernommen hat. Sie gibt der Frauenfigur Würde und eine Spur Geheimnis.

Durch die vorliegenden Kurzgeschichten konnte ich auf durchgeformte starke Charaktere zurückgreifen. Die Herausforderung bei der Entwicklung des Buches bestand dann insbesondere darin, Übergänge zwischen den Erzählsträngen und Figuren zu schaffen, und die verschiedenen Ebenen von Realität, Traum und Phantasie in ein stimmiges Verhältnis zu setzen.

Letztendlich hat es mir beim Schreiben natürlich stark geholfen, dass ich das Buch Otto Tausig auf den Leib schreiben konnte.

BIS SPÄTER, MAX!, das haben Voraufführungen des Films gezeigt, findet großen Zuspruch gerade auch bei Frauen – wie erklären Sie sich das, angesichts der Tatsache, dass alle Frauen im Film irgendwie auch Spielbälle der Hauptfigur und seiner Phantasie zu sein scheinen?

Ich glaube, dass weibliche Zuschauer in allen Frauenrollen Spiegel für bestimmte Probleme finden, die sie mit Männern haben oder gehabt haben. Sie können sich mit ihnen und ihrer Situation identifizieren - mit Rosalie, die ohne Kinder lebt, mit Reisels Eifersucht, mit der Witwe in Florida.

Auf der anderen Seite sind alle Frauen im Film attraktive Frauen und haben ein aktives Sexualleben – selbst die drei Damen, die Max Kohn in New Hampshire am Bahnsteig abholen, möchten ihn ja am liebsten auffressen.

Natürlich gibt es auch eine sagen wir „voyeuristische Perspektive“ auf Abstieg und Fall eines selbstherrlichen Charmeurs. Und zu guter Letzt darf man auch den Charme von Otto Tausig nicht außer Acht lassen. Der macht ihn gerade für Frauen eben irre attraktiv.

Singer sagte von sich: “Ich schreibe über ungewöhnliche Menschen in ungewöhnlichen Umständen“ – könnte dieser Satz, übertragen auf das Filmemachen, auch für Sie gelten?

Sie sind sicherlich nicht ungewöhnlich im Sinne eines Plots, den man in einem spektakulären Satz zusammenfassen könnte. Die Personen beginnen ungewöhnlich zu werden, wenn man sich die Zeit lässt, sie und ihre Lebensumstände lange genug zu betrachten. Ich rücke in meinen Filmen gerne Randfiguren in den Mittelpunkt und bemühe mich, sie zunächst einmal zu erfassen und nicht zu werten. Bevor die Großaufnahme kommt, werden sie erst einmal in ihrem Lebensraum geschildert. Mich leitet beim Filmemachen, auch in meinen Dokumentarfilmen, ein Interesse an Menschen, an Leuten, die etwas riskiert, aber auch Verlust erlitten haben.

Rückblickend fällt mir auf, dass in meinen Filmen Emigranten immer wieder eine wichtige Rolle gespielt haben, ganz wörtlich, aber auch im übertragenen Sinn: Menschen, die zwei Welten in sich tragen. Durch die doppelte Identität entstehen Missverständnisse, zwiespältige Gefühle, auch Ironie und Humor. Daher sind alle meine Filme nie reines Drama, sondern immer auch Komödie. Mich fasziniert dieses Hin- und Hergerissensein. Otto Tausig hat mir es einmal so erklärt: was Heimat ist und bedeutet, versteht man erst, wenn man in der Fremde leben muss.

 

 

 

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